
Dieser Artikel verrät wichtige Handlungselemente aus dem Anime oder Manga. Wenn du das Werk nicht kennst, kann das Lesen dieses Artikels dir die Freude am Werk nehmen.
Der Film Der Junge und der Reiher des renommierten Regisseurs Hayao Miyazaki wirkt für viele Ghiblifans bekannt und doch fremd. Was dem Film einzigartig macht: Er offenbart die tiefsten Gedanken des Regisseurs; seine Trauer und seine Hoffnung getränkt im optimistischen Nihilismus.
Der Dokumentarfilm 2399 Days with Hayao Miyazaki and Studio Ghibli begleitet dem Regisseur bei seiner Arbeit am Film. Er lief am 16. Dezember 2023 auf dem Sender NHK in japanischer Sprache.[1]
Wollt ihr den Film philosophischer betrachten: Analyse:Warawara und Existentialismus.
Ein Brief als Film[]
Der Jugendroman hat Hayao als Jugendlicher sehr berührt.
Hayao Miyazaki hat immer im Sinn: Seine Filme sind nicht nur für ihn, sondern auch für die Nachwelt. Als sein Sohn Gorō Miyazaki sein erstes Kind bekam, wurde dem Regisseur zwei Tatsachen bewusst:
- Die Protagonisten sind zwar ihm nachempfunden; aber sie stellen ihn nie so dar, wie er wirklich ist.
- Seine Filme zeigen die Probleme der heutigen Zeit auf. Dennoch hat er den optimistischen Nihilismus nie in seinen Filmen thematisiert, um jungen Menschen eine Hoffnung zu geben; angesichts der vielen Krisen.
Der Jugendroman How Do You Live? hat ihn inspiriert ein persönliches, berührendes Werk zu hinterlassen; mit einem nachhaltigen Effekt für die Nachwelt. In dem Roman schreibt ein Onkel seinem Neffen Copper Briefe, die er später zu einem Notizbuch zusammenbindet.[2] Damit will er den Wunsch seines Schwagers nachkommen. Zuvor lag sein Schwager im Sterbebett und er offenbart dem Onkel seinen Wunsch: Ich erhoffe, dass er [Copper] zu einem großartigen Mann heranwächst! Ein vorbildliches Beispiel eines Menschen.[3]
Der Onkel gab seinem Neffen den Spitznamen Copper, da sein Neffe sich selbst nicht im Mittelpunkt sieht. Seiner Meinung nach sind die Menschen, die dies erkennen, die Ausnahmen und sie werden Großes vollbringen; so wie Nikolaus Kopernikus es tat.[4]
Mahito - Hayaos innere Kind[]
Mahito weist viele Ähnlichkeiten mit Hayao Miyazaki auf. Hier eine Tabelle der Ähnlichkeiten:
| Seine leibliche Mutter Hisako Maki kam in einem Brand eines Tokioter Krankenhauses um. Seither taucht sie in seinen Albträumen in Flammen gekleidet auf. | Hayaos Mutter ist an Tuberkulose erkrankt. Krankheitsbedingt lag sie über Jahre im Krankenhaus, dadurch war sie daheim abwesend. Dies bereitet ihre Kindern eine schwierige Zeit. Diese Trauer hat Hayao im Film Mein Nachbar Totoro verarbeitet.[5] |
| Er hat den Krieg und ihre Auswirkungen miterlebt. Seine Familie zieht nach die ländliche Gegend Saginuma. | Er wurde im Zweiten Weltkrieg geboren. Seine Familie flieht aufs Land, um vor den Luftangriffen sicher zu sein.[6] |
| Sein Vater ist arbeitstechnisch lange abwesend und er betreibt eine Munitionsfabrik. Damit verdient er am Krieg und er unterstützt diesen. | Sein Vater betreibt eine Flugzeugfabrik mit der er Kampfflugzeuge produziert. Auch sein Vater war arbeitstechnisch lange abwesend.[7] |
| Sein Vater heiratet Natsuko, die jüngere Schwester seiner Mutter. | Sein Vater hat seine Mutter geheiratet, nachdem ihre ältere Schwester verstorben ist. Die ältere Schwester war mit seinem Vater verheiratet.[8] |
| Seine Eltern sind oft abwesend, weshalb er sich zurückzieht. | In seiner Kindheit sieht er selten seine Eltern. Oft muss er sich mit sich selbst beschäftigen.[7] |
| Unter Tränen liest er den Jugendroman How Do You Live? | Der Jugendroman hat ihn sehr berührt. |
| Der Graureiher führt in die Welt des Steins. | Toshio Suzuki begleitet ihn lebenslang bei seiner Arbeit. |
Mahito kann egoistisch sein. So verletzt er sich am Kopf, um nicht mehr zur Schule gehen zu müssen. Er ist ehrlich zu sich selbst, dass er kein reiner Mensch ist.
Der Graureiher - Offenbarung des bedingten Leids[]
THE BOY AND THE HERON - Toshio Suzuki on Hayao Miyazaki & the Future of Animation
Interview mit Toshio Suzuki.
Die Grausamkeiten sind unvermeidbar.
Im Dokumentarfilm offenbart Hayao Miyazaki, dass Kiriko von Michiyo Yasuda inspiriert wurde, die im Studio für die Farben zuständig war: Mal ist Michiyo ängstlich und ein anderes Mal ist sie mutig. Sie gehört zu den wenigen Menschen, die zu Hayao direkt war.
Der Graureiher führt Mahito durch die Unterwelt, in der Hoffnung Natsuko zu retten. Anfangs konnte Mahito den Graureiher nicht leiden, weil dieser zu aufdringlich ihm nähert. Auch Hayao konnte Toshio Suzuki anfangs nicht leiden: Toshio arbeitet als Leiter des Magazins Animage. Er wurde auf Isao und Hayao durch die Animes Future Boy Conan und Das Schloss des Cagliostro aufmerksam. Seine Interviewanfragen wurden abgelehnt. Jedoch blieb er beharrlich und daraus entstand eine Freundschaft.[9]
In der Welt des Steins wird die unvermeidbare Grausamkeit offenbart: Auf Mahitos Bitte erklärt ein älterer Pelikan, dass es nicht genügend Nahrung vorhanden ist. Für das Überleben muss er Warawaras fressen. Die Ursache des Leids liegt in der Knappheit der Rohstoffe.
Der König strebt nach mehr Macht.
Das Leid wird auch durch Gier verursacht. Die Sittiche sind wie die Menschen zivilisiert und sie werden von einem Papageikönig angeführt. Da sie den Zugang zum Zeitturm kontrollieren, gehören sie zur dominierende Spezies in der Welt des Steins. Sie konnten das Leid der Pelikane mildern, indem sie ihnen den Zugang zum Zeitturm nicht versperren würden. Doch sie denken nur an ihrem Vorteil. So nehmen sie Himi als Geisel, um mit dem Großonkel verhandeln zu können. Der Papageikönig strebt nach der Weltherrschaft. Als ihm bewusst wurde, dass dies ihm verwehrt wird, zerstört er die Welt eigenhändig.
Pelikane und Sittiche sind Vögel. Sie haben die Möglichkeit frei zu sein, indem sie an andere Orte fliegen. Jedoch bleiben sie in der Welt des Steins gefangen. Trotz ihre Möglichkeit der Freiheit bleiben sie gefangen. Das Leid wird auch in Hayaos Manga Nausicaä aus dem Tal der Winde thematisiert und als die Leere bezeichnet.
Die Welt des Steins kollabiert, aber nicht wegen der Gier der Sittiche. Laut dem Regisseur präsentieren die Pelikane und Sittiche Facetten von Isao Takahatas Persönlichkeit. Isaos Unbarmherzigkeit zeigt sich in seine Äußerungen zu Hayaos Filmen. Beispielsweise bewertet er den Film Nausicaä aus dem Tal der Winde mit 30/100 Punkten. Aber nicht um seinen Kollegen zu kränken, sondern ihm aufzuzeigen, dass in ihm noch mehr Potenzial steckt. Er wollte Hayao motivieren.
Im späteren Verlauf des Films trifft Mahito auf den Großonkel, der Schöpfer dieser Welt.
Der Großonkel - Überwindung der Trauer[]
Hayao war introventiert und pessimistisch.
Der Großonkel wollte Mahito als seinen Nachfolger. Isao Takahata ist für Hayao Miyazaki mehr als ein Mentor, er ist auch sein Kollege und Freund. Hayao hat immer versucht seinen Mentor zu übertreffen.
Der Großonkel reichte Mahito dreizehn Bauklötze, um die Grundlage einer neuen Welt zu legen. Hayao Miyazaki hat in seinem Leben für dreizehn Filme die Regie geführt: Die Filme des Studios Ghibli und Das Schloss des Cagliostro. Bei der Produktion aller Filme hat Hayao immer zu Isao aufgeschaut und ihm immer um Rat gefragt. Hayao beschreibt sich selbst als introventiert und pessimistisch. Doch als er Isao kennenlernt, gewann er an Optimismus und Isao lehrt ihn die Persönlichkeit einzelner Charaktere herauszuarbeiten. Trotz Isaos Strenge hat Hayao ihn bewundert.
Er wollte Isao als sein persönlicher Mentor gewinnen, doch Isao hat Yoshifumi Kondō als sein Lehrling gewählt. Hoshifumi hat später die Regie des Films Stimme des Herzens geführt. Hayao war auf Hoshifumi neidisch; sogar eifersüchtig. Später lernt er Toshio Suzuki kennen.
Die Bitte des Großonkels ...
Hayao musste seine Trauer über Isaos Tod verarbeiten.
Mahito lehnt ab, die Nachfolge seines Großonkels anzutreten, was das Ende der Welt bedeutet. Damit zeigt Hayao, dass er die Trauer über seinen Mentor verarbeitet hat, dass er nun seinen eigenen Weg geht und dass er nicht mehr bestrebt ist, Isao übertreffen zu wollen.
Er wollte, dass Isao die Produktion des Films übernimmt. Doch leider verstarb er am 5. April 2018 an Lungenkrebs[10]. Bevor Mahito den Gartenturm betritt wird die Handlung langsamer erzählt als die restliche Handlung des Films. In dieser Produktionsphase hat Hayao seine Trauer verarbeitet. Diese Verarbeitung der Trauer wird auch an Mahito deutlich, der mit dem Tod seiner leiblichen Mutter Hisako Maki sehr zu kämpfen hat.
Wiedergeburt - Neuer Miyazaki[]
Mit dem Film will Hayao seine Trauer verarbeiten und sein neues Selbst akzeptieren. Nach dem japanischen Kinostart des Films ändert er seinen Nachnamen: Von 宮崎 zu 宮﨑. Beides wird Miyazaki ausgesprochen.
Hayao will mit Freude durchs Leben gehen, trotz dem Tod seines Mentors und der vielen Krisen in der Welt. Er will weiterleben und vorwärts kommen. So drückt er durch die Figur Nausicaä aus dem bereits erwähnten Manga wie folgt aus:
Nausicaä spricht zu ihren Männern.
„Ich mag die Omus ... Ich denke, dass sie die großartigsten und edelsten Lebewesen auf der Welt sind. Aber ebenso mag ich die Menschen meines Volkes. Ich werde euch nie vergessen. [...] Es war hart für mich das Tal zu verlassen. Ich hatte Angst. [...] In meinem Inneren spricht eine Stimme »Geh vorwärts!«“
— Nausicaä spricht zu ihren Männern, bevor sich ihre Wege trennen.[11]
Auch wenn die Welt in Flammen steht, gibt es Hoffnung auf Besserung; auch wenn sie nur ein flackerndes Licht in der Dunkelheit ist. Er hat die Hoffnung auf eine bessere Welt durch die junge Generation nicht aufgegeben. Der Film trägt ein Titel, welches an die japanische Zuschauer richtet: Wie würden Sie leben?
Einzelnachweise[]
- ↑ Comic Natalie (15. Dezember 2023): 明日放送の「プロフェッショナル」は宮崎駿、2399日間の密着取材で見えたものとは. Natalie. Abgerufen 15. Dezember 2023.
- ↑ How Do You Live?, Kapitel - Spring Morning, Seite 274.
- ↑ How Do You Live?, Kapitel - A Brave Friend, Seite 44 f.
- ↑ How Do You Live?, Kapitel - A Strange Experience, Seite 18.
- ↑ The Art of My Neighbor Totoro, Seite 81.
- ↑ Hayao Miyazaki (22. Mai 1988), Masatoshi Takeuchi (Herausgeber): The Animation of Hayao Miyazaki, Isao Takahata and Studio Ghibli. Kinema Junpo. Tokyo: Kinema Junpo (veröffentlicht am 16. Juli 1995) (1166), Seite 57–58.
- ↑ 7,0 7,1 Wieland Wagner (15. Juni 2003): Disney belügt Kinder. Der Spiegel 25/2003. Abgerufen 5. August 2010.
- ↑ Susan Napier (4. September 2018): Miyazaki World: A Life in Art, Kapitel 1. Yale University Press.
- ↑ Nausicaä aus dem Tal der Winde. Bonusmaterial zum Film Die Ursprünge von Studio Ghibli (auf DVD und Blu-Ray). Publisher Universum Anime.
- ↑ Eli Meixler (5. April 2018): Isao Takahata, Co-Founder of Japan's Studio Ghibli, Has Died. Time. Abgerufen 6. April 2018.
- ↑ Band 2, Seite 87.