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Erinnerungen an Marnie ist ein Melodrama, das sich mit dem Innenleben der Protagonistin Anna Sasaki auseinandersetzt. Dabei hält sich der Film nicht zurück, auch düstere Töne anzuschlagen: Bereits die ersten zwei Minuten des Films sind für mich wie ein Schlag in die Magengrube.

In diesem Beitrag möchte ich meine Gedanken zu dieser Eröffnungssequenz zusammenfassen. Auch wenn es sich um den Anfang des Animes handelt, so ist auch dieser Text nicht frei von Spoiler - im Gegenteil: um die Szene inhaltlich einzuordnen, werde ich auch auf Inhalte am Ende des Films eingehen. Wer dieses schöne Werk also noch nicht selbst genießen konnte, sollte sich dessen bewusst sein.

Inhalt

Hinten links sitzt Anna isoliert von allen Anderen.

Zu Beginn eine kurze Zusammenfassung der Szene. Anna sitzt im Park alleine auf einer Bank vor einem Spielplatz und zeichnet. Es ist Unterrichtszeit und auch ihre Klassenkameradinnen sind dabei, sitzen jedoch in Gruppen weit weg von ihr. Der Lehrer taucht vor ihr auf, um sich ihr Bild anzusehen. Doch kurz bevor es dazu kommt, fängt ein Kind an zu weinen. Während sich sowohl der Lehrer als auch ihre Mitschülerinnen um das Kind kümmern, bekommt Anna einen asthmatischen Anfall.

Während dieser Zeit hält Anna einen inneren Monolog:

„In dieser Welt gibt es einen unsichtbaren magischen Kreis.
Er hat eine Innen- und eine Außenseite.
Diese Menschen befinden sich auf der Innenseite.
Und ich mich auf der Außenseite.
Aber eigentlich ist das auch gar nicht wichtig.
Ich hasse mich.
Ich hasse mich!”

Der unsichtbare magische Kreis — in Retrospektive

Nach dem Sehen des Films lässt sich nun folgende Frage beantworten: Was ist mit diesem Kreis nun gemeint, den Anna ausgrenzt? Anna hält sich nicht für „normal“. Innerhalb des Kreises befinden sich die normalen Menschen und sie gehört nicht dazu. Das diese fehlende Normalität ein ausgrenzendes Kriterium ist, zeigt sich später, als sie während des Tanabata-Festes ihren Wunsch niederschreibt ein normales Leben zu führen.

Warum ist Anna nicht normal? Sie lebt nicht mit ihren leiblichen Eltern. Diese sind bei einem Unfall umgekommen und wird nun von ihrem „Tantchen“ Yoriko Sasaki aufgezogen. Diese erhält dafür finanzielle Hilfe vom Amt. Anders als andere Kinder wird Yoriko dafür bezahlt, dass sie sich um Anna kümmert. Dies nagt an ihrem Selbstwertgefühl — ihr Glaube daran, dass ihre Zieheltern sie lieben und nicht nur wegen des Geldes großziehen wird dadurch erschüttert, dass ihre Pflegeeltern Geheim halten, dass sie Geld vom Staat bekommen. Und dass sie diese Gedanken hegt führt dazu, dass sie sich noch mehr hasst.[1]

Ihr Arzt Doktor Yamashita vermutet, dass emotionaler Stress ein Auslöser für Annas Asthma ist. Ihr Gefühl der eigenen Minderwertigkeit ist eine mögliche Erklärung für diesen Stress. Und dieses Gefühl ist eine nicht materielle, unsichtbare Macht.

Meine Lesart lautet also: der unsichtbare, ausgrenzende Kreis ist Annas Selbstwertgefühl. Sie grenzt sich selbst aus, weil sie sich selbst als etwas Schlechteres hält.

Darstellung des Kreises zu diesem Zeitpunkt

Die Zeichnung

Beim ersten Betrachten des Werkes ist oben genanntes Wissen nicht vorhanden, und trotzdem kann man ähnliche Schlüsse ziehen. Das offensichtlichste Zeichen meiner Ansicht ist ihre Reaktion als der Lehrer darum bittet einen Blick auf ihre Zeichnung zu werfen. Zu Beginn zögert sie und meint, das Bild sei nicht gut geworden. Kurz vorher konnten wir Zuschauer jedoch das Bild betrachten und stellen fest, dass Anna äußerst talentiert ist. Doch auch hier trübt ihr Selbstwertgefühl ihre Selbsteinschätzung.

Als kurzer Einschub eine weitere Nuance zu dieser Szene, die erst nach dem Sehen des Films auffällt: Das Bild ist nur mit dem Bleistift gezeichnet, wie auch die meisten anderen ihrer Werke. Erst nachdem Anna gegen Ende des Films mit Marnies Hilfe ihre eigene Situation emotional verarbeiten konnte, sieht man die ersten farbigen Bilder von Anna: Ein Bild mit dem Ausblick auf dem See aus dem Balkon ihres Zimmers sowie im Abspann Bilder von Marnie selbst. Man könnte dies dahingehen interpretieren, dass die Zeichnungen auch die subjektive Sichtweise von Anna widerspiegelt.

Zu Beginn dominieren ihre negativen Gedanken, sodass sie trist auf die Welt blickt. Weil sie alles so negativ sieht, vermutet sie auch materielle Motivation dahinter, dass ihre Ziehmutter sie aufgenommen hat, und nicht Liebe. Die gezeigten Zeichnungen waren bis zu diesem Zeitpunkt graue Bleistiftskizzen.

Nach ihren Erlebnissen mit Marnie sieht sie ihre Pflegemutter Yoriko wieder. Yoriko gesteht, dass sie für das Großziehen Geld vom Ministerium erhält, erklärt aber, dass sie Anna aus Liebe großzieht. Anna entgegnet, dass sie dies bereits weiß — sowohl, dass Yoriko Geld vom Amt erhält, als auch ihre Liebe zu Anna. Kurz vorher sieht man zum ersten Mal das erste farbige Bild von Anna, das sie auf eine Postkarte für ihre Ziehmutter gezeichnet hat.

Licht und Schatten

Nur die Vorderseite des Lehrers befindet sich im Schatten.

Ihre Abgrenzung zu anderen Menschen wird nicht nur durch die räumliche Distanz zu ihren Mitschülerinnen dargestellt. Auch der Schattenwurf gibt entsprechende Hinweise. Während sowohl die Kinder auf dem Spielplatz als auch ihre auf Bänken sitzenden Mitschülerinnen sich im Sonnenlicht befinden, sitzt Anna als einzige im Schatten.

Als ihr Lehrer nach ihr sieht tritt dieser zwar leicht in den Schatten, jedoch wird er im Rücken immer noch von der Sonne angestrahlt. Er blickt also tatsächlich nur in Annas isolierenden Kreis rein, befindet sich jedoch nicht in diesem.

Annas abgesenkter Blick

Der Film stellt die Welt in Annas Sichtweise dar. Ganz konkret wird dies z. B. in der Szene, in der Sie alleine in das Silo stürmt, wird dieser perspektivisch verzerrt, um dessen bedrohliche Wirkung auf Anna darzustellen. Als die Kamera zu ihren Klassenkameradinnen schwenkt, sind dessen Köpfe nicht zu sehen. Nur Beine und Oberkörper befinden sich in ihrem Sichtfeld.

Die Szene kann einerseits so gelesen werden, dass Anna denkt, dass sie nicht auf Augenhöhe mit ihren Mitschülerinnen ist, und deshalb deren Gesichter nicht sehen kann. Andererseits stellt dies auch ihre Isolation dar: Für sie sind ihre Kameradinnen keine Freundinnen, deren Gesichter sie kennt, sondern weitere, anonyme Menschen, die in ihrer identischen Schulkleidung kaum als Individuen zu erkennen sind. Somit schreiben wir als Zuschauer diesen Mädchen keine Relevanz für Anna zu.

Architektur des Spielplatzes

Es gibt auch eine physikalische Repräsentation des Kreises. Der Spielplatz selbst, in dem die Kinder tummeln, scheint kreisförmig aufgebaut zu sein. Anna sitzt außerhalb des Kreises auf einer Bank. Auch im Innen des Kreises taucht das Motiv des Kreises übrigens mehrfach auf: Es befinden sich kreisförmige Pfosten zum draufspringen, ein kreisförmiger Sandkasten, sowie kreisförmige Türme auf dem Klettergerüst.

Annas Design

Während alle auftauchende Figuren braune Augen haben (oder nur schwarze Punkte als Augen erkennbar sind), hat Anna als einzige kräftige blaue Augen. Dies grenzt Anna bereits optisch von allen Anderen ab.

Die Situation

Auch auf rein inhaltlicher Ebene wird Annas Ausgrenzung dargestellt: Als das Kind auf dem Spielplatz anfängt zu weinen, richten alle ihre Aufmerksamkeit auf das Kind. Während Anna kurz darauf ihren Asthmaanfall hat, ist sie alleine. Die Kamera wechselt und man sieht die Situation von oben. Anna sitzt alleine auf der Bank, während die Kamera immer weiter herauszoomt, Anna immer kleiner wird und die Leere um sie herum immer größer werden lässt.

Es ist wahrscheinlich, dass man auf Annas gesundheitlicher Situation aufmerksam wurde. Gezeigt wird dies jedoch nicht, stattdessen findet ein Schnitt statt und die Szene wechselt zur Annas ärztlicher Untersuchung. Im Kontext des Gezeigten ist Anna also alleine geblieben.

Zusammenfassung

Anna lebt isoliert und hat ein geringes Selbstwertgefühl. Das macht der hervorragende innere Monolog klar. Doch die vielen kleinen Details lassen die klimaxtisch aufgebaute Szene stärker werden, bis sie in ihrem Asthmaanfall und dem Repetitio „Ich hasse mich. Ich hasse mich!“ ihr für mich markerschütterndes Finale erreicht.

Metaebene

Als kleines Bonus möchte ich noch über eine mögliche Metaebene der Szene sinnieren.

Was ist eine Metaebene?

Die Wikipedia definiert den Begriff Metaebene heute folgendermaßen:

„Metaebene ist die lose verwendete Bezeichnung für eine übergeordnete Sichtweise, in der Diskurse, Strukturen oder Sprachen als Objekte behandelt werden. Findet die Metaebene in derselben Struktur statt, über die sie spricht, so liegt ein Fall von Selbstreferentialität vor.“

Oder in einfacherer Sprache: Anstatt den Inhalt eines Films nur anhand dessen zu behandeln, was wir im Film sehen und hören, kann man eine Szene, ein Element im Film oder gar den ganzen Film selbst eigenständig betrachten. Es geht also nicht darum uns zu fragen „Warum sagt Figur A etwas? Soll das uns als Zuschauer traurig machen?“, sondern fragen nach dem großen Ganzen „Warum soll die Szene den Zuschauer traurig machen?“.

Annas Zeichnung als Metaebene

Bleiben wir zu Beginn auf der inhaltlichen Ebene und fragen uns: Warum zeichnet Anna? Sicherlich kann man schlicht sagen, dass dies eben die Aufgabe des Lehrers ist. Doch ihr Talent mach bereits in dieser Szene deutlich, dass Anna wohl regelmäßig zeichnet. Was wäre eine andere Erklärung?

Anna befindet sich außerhalb des magischen Kreises. Sie sitzt in dieser Szene außerhalb des Kreises und zeichnet die Kinder innerhalb des Kreises. Das Zeichnen kann also begriffen werden, als Annas Methode sich mit der Welt um sich auseinanderzusetzen. Da wie oben bereits erklärt ihr Gemütszustand anscheinend eine Auswirkung auf ihre Zeichnungen hat, kann man darauf schließen, dass sie nicht nur die von ihr beobachtete Umwelt zeichnet, sondern ihre Verarbeitung der Umwelt.

Nun betrachten wir die Metaebene und stellen die übergeordnete Frage: Warum wurde das Mittel des Zeichnens zu diesem Zweck verwendet? Das künstlerische Ausdrücken der wahrgenommenen Umwelt wäre schließlich auch möglich gewesen, wenn Anna eine Musikerin wäre und sie während des Musikunterrichts ein Stück schreibt oder spielt.

Wenn wir den Film als Ganzen betrachten, kann man eine Beobachtung fällen, die zwar äußerst offensichtlich ist, jedoch ist diese Beobachtung auch genauso schwer zu machen. Es ist das Sprichwörtliche „Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen“.

Der Film selbst ist gezeichnet. Annas Zeichnungen ist der Ausdruck ihrer Emotionen. Der gezeichnete Film als Ganzer kann als Ausdruck von Emotionen wahrgenommen werden. Anime als Ausdruck des Innenlebens der Macher, denn was für Anna gilt, kann man auch auf die Zeichner anwenden. Der Grund, warum der Film in ihrer farbenfrohen Schönheit dargestellt wird, sind die Gefühle des Teams, das es uns zeigen möchte.

Historischer Kontext

Wenn wir die Zeit in den Blick nehmen, in dem der Film entstanden wird, wird dieser Aspekt umso interessanter. Studio Ghibli hat angekündigt die Produktion neuer Filme auszusetzen. Erinnerungen an Marnie ist der letzte Film, der vor dieser Pause erschienen ist. Dieser Film könnte also der letzte Film sein, den das Studio jemals veröffentlicht.

Es mag nur ein Hirngespinst von mir sein, da die Vorstellung eine romantische Melancholie ist. Die Zeichner lieben ihre Arbeit und drücken dies durch die Qualität ihrer Werke aus. Und durch das Schauen dieser Filme können wir Zuschauer nicht nur die fantastischen und emotionalen Geschichten miterleben, sondern nehmen auch die Liebe der Zeichner zum Anime wahr.

Einzelnachweise

  1. Ca. in Minute 65 erzählt Anna Marnie, dass ihre Eltern Geld vom Staat erhalten. Arnie entgegnet ihr, dass dies nicht bedeutet, dass ihre Zieheltern Anna nicht lieben. Anna antwortet darauf:
    „Darum geht's nicht! Kapier doch!
    Keines von den anderen Kindern, die bei uns im Haus wohnen, bekommen Geld, nur wir.
    Sie sieht immer so besorgt aus, als ob sie ständig davor Angst hätte, dass ich es herausfinden könnte.
    Und ich hasse mich dafür, dass mir das ganze auch Sorgen macht.
    Ich kann an nichts, überhaupt nichts mehr glauben.”